Deutscher Herbst

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Als Deutscher Herbst wird die politische Atmosphäre in Westdeutschland in der Zeit im September und Oktober 1977 bezeichnet, die durch die Auseinandersetzung zwischen der Regierung und der Terrororganisation RAF (Rote Armee Fraktion) geprägt war. Die wichtigsten Ereignisse des Deutschen Herbstes waren die Entführung und Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut. Die Ereignisse in diesem Zeitraum stellten die staatliche Ordnung in Deutschland infrage, weshalb der Deutsche Herbst eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik darstellt. Die Bezeichnung dieses Zeitraums als Deutscher Herbst geht auf den Film „Deutschland im Herbst“ zurück, der etwa ein Jahr nach den Ereignissen erschien.

Der politische Hintergrund

Der wichtigste Akteur im Deutschen Herbst war die linksextreme Terrorgruppe RAF, deren Geschichte daher in diesem Artikel kurz vorgestellt werden soll. Die Ursprünge dieser Gruppierung liegen in den Studentenunruhen der späten Sechziger Jahre. Nachdem diese zunächst überwiegend friedlich verliefen, sorgten der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der von einem Polizisten erschossen wurde und später der versuchte Mordanschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke für eine Radikalisierung eines Teils der Studenten. So bildete sich eine Gruppe um die Anführer Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die einen immer gewaltsameren Kampf gegen die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse anstrebte. Der erste Schritt waren Brandanschläge gegen Kaufhäuser. Nachdem die Urheber verhaftet wurden, startete eine weitere Gruppe, der unter anderem die Journalistin Ulrike Meinhof angehörte, die später zu den wichtigsten Anführern der RAF werden sollte, eine Befreiungsaktion für Baader. Diese Aktion wird als Gründungsakt der Terrorvereinigung betrachtet.

In der Folge radikalisierte sich die Gruppe immer stärker. Sie bildete sich in Lagern der Fatah in Jordanien aus und verübte in Deutschland viele Banküberfälle und Bombenanschläge bei denen mehrere Menschen ums Leben kamen. 1972 wurden die wichtigsten Anführer dieser Gruppe, die als die erste Generation der RAF in die Geschichte einging, verhaftet. Viele Politiker dieser Zeit gingen davon aus, dass damit das Problem des Linksterrorismus in Deutschland beseitigt worden sei, doch war dies ein Trugschluss. Kurze Zeit später bildete sich die zweite Generation der RAF heraus, die noch gewalttätiger vorging. Eine der ersten wichtigen Aktionen der zweiten Generation war die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz, die zur Freilassung einiger Terroristen führte. Einige Zeit später besetzten RAF-Mitglieder die die deutsche Botschaft in Stockholm. Die Besetzung endete blutig. Eines der wesentlichen Ziele bei diesen Aktionen war es, die Freilassung der Mitglieder der ersten Generation zu erreichen. Dieses Motiv ist auch für die Vorgänge im Deutschen Herbst sehr wichtig. 1977 ging die Gruppe dazu über, reine Mordanschläge durchzuführen. Diesen fielen der Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Vorstandssprecher der Dresdner Bank Jürgen Ponto zum Opfer. Diese Entwicklung der RAF stellen die Vorgeschichte der Ereignisse im Herbst 1977 dar.

Die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer

Die Rolle Schleyers als Arbeitgeberpräsident, die er bereits seit 1973 ausübte, machte ihn bereits aufgrund seiner Funktion zu einem Feindbild der linksgerichteten Terroristen. In den Fokus der RAF rückte er jedoch 1977 aufgrund eines Fernsehinterviews. In diesem wurde er zu seiner Mitgliedschaft in der SS befragt. Dabei sagte er, er sei stolz auf seine Vergangenheit als SS-Offizier. Die Bundesregierung erklärte ihn wenige Monate später zu einer der Personen, für die Sicherheitsstufe I galt, was bedeutete, dass er ständig von Polizeibeamten beschützt werden musste. Die Geiselnahme wurde schließlich am 5. September 1977 in Köln durchgeführt. Dabei überfiel eine Gruppe, zu der Peter-Jürgen Boock, Sieglinde Hofmann, Willi-Peter Stoll, Stefan Wisniewski und eventuell noch ein weiteres – bislang nicht bekanntes – RAF-Mitglied gehörten, den Arbeitgeberpräsidenten. Dabei setzten sie automatische Schusswaffen ein und töteten den Fahrer Schleyers sowie die drei Polizisten, aus denen sein Geleitschutz bestand. Zunächst wurde Schleyer in einer Wohnung in der Nähe versteckt, ehe er zunächst in die Niederlande und später nach Belgien verschleppt wurde.

Die Forderung der Entführer bestand darin, die Anführer der ersten RAF-Generation freizulassen. Diese Forderung wurde jedoch vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt abgelehnt. Dies liegt sicherlich unter anderem daran, dass die bei der Entführung des Politikers Peter Lorenz freigelassenen Häftlinge bereits nach kurzer Zeit wieder als Terroristen aktiv wurden. Daher kam die Freilassung nicht infrage.

Der folgende Abschnitt steht in engem Zusammenhang mit einem weiteren Ereignis des Deutschen Herbstes – der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut, die später noch ausführlich besprochen werden soll. Auch diese Aktion hatte neben anderen Punkten die Freilassung der RAF-Häftlinge als Ziel. Als diese Geiselnahme am 18. Oktober blutig beendet wurde, kam es in der darauf folgenden Nacht zu einem kollektiven Selbstmord der RAF-Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Stammheim. Die Selbstmordthese wurde zu diesem Zeitpunkt jedoch von vielen Personen angezweifelt und selbst heute gibt es noch Untersuchungen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Die Folge des Tods der RAF-Terroristen war, dass die Entführer des Arbeitgeberpräsidenten diesen ermordeten. Seine Leiche wurde am 19. Oktober im französischen Mühlhausen gefunden.

Die Entführung der Landshut

Am 13. Oktober flog die Landshut auf einem Linienflug von Mallorca nach Frankfurt. Als sie französischen Luftraum überquerte, wurde sie von vier Mitgliedern der palästinensischen PFLP entführt. Die Entführer wollten zunächst Larnaka auf Zypern anfliegen, aufgrund der geringen Treibstoffvorräte musste das Flugzeug jedoch in Rom zwischenlanden. Hier gaben die Entführer auch erstmals ihre Forderungen bekannt. Sie wollten die Freilassung von 11 RAF-Terroristen erreichen, die in Deutschland in Haft waren. Darüber hinaus forderten sie auch die Freilassung von zwei Personen, die in der Türkei inhaftiert waren sowie ein Lösegeld von 15 Millionen Dollar. Nach Zwischenlandungen in Dubai und Aden flog die Maschine schließlich nach Mogadischu weiter. Der Kapitän der Maschine, Jürgen Schumann, wurde in Aden erschossen. Zuvor hatte er mit Erlaubnis der Entführer das Flugzeug verlassen, kam jedoch erst nach mehr als einer Stunde wieder zurück. In Mogadischu stellten die Geiselnehmer schließlich ein Ultimatum für die Freilassung der RAF-Terroristen.

Die Bundesregierung versuchte während dieser Zeit, eine Erlaubnis für einen Einsatz der GSG-9 für die Befreiung der Geiseln zu erreichen. Unter dem Vorwand, die Befreiung der Häftlinge eingeleitet zu haben, wurde das Ultimatum verlängert. Die somalische Regierung, die sich im Krieg mit dem Nachbarland Äthiopien befand, konnte durch das Versprechen einer Waffenlieferung zur Zustimmung zum Einsatz der GSG-9 bewegt werden. Das Kommando stürmte daraufhin die Maschine und konnte alle Geiseln lebend befreien. Drei der vier Geiselnehmer überlebten die Erstürmung der Maschine hingegen nicht. Die Folgen der geglückten Befreiungsaktion waren wie bereits beschrieben der Selbstmord der RAF-Häftlinge und die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer.

Der Deutsche Herbst prägte die Gesellschaft

In den frühen siebziger Jahren standen viele Teile der Bevölkerung der RAF mit gemischten Gefühlen gegenüber. Zwar lehnten auch weite Teile des linksliberalen Lagers die Vorgehensweise der Terrorgruppe ab, identifizierten sich aber dennoch mit einigen Forderungen der Vereinigung. Die Gerüchte über die Misshandlungen der RAF-Gefangenen – beispielsweise durch Isolationshaft – führten dazu, dass einige Teile der Bevölkerung die staatlichen Institutionen als die eigentlichen Verbrecher betrachteten und nicht die Terroristen. Dieses Umfeld war für die Entstehung der zweiten Generation der RAF zu großen Teilen verantwortlich. Dazu kamen restriktive Methoden der Polizei, wie beispielsweise die Rasterfahndung, die dafür sorgten, dass auch unbeteiligte Personen von den Kontrollen beeinträchtigt wurden. Auf der anderen Seite versuchten konservative Kreise, das linksliberale Spektrum, das eine ideologische Auseinandersetzung mit den Gründen des Terrorismus forderte, ebenfalls als Anhänger des Terrorismus zu brandmarken. Der Deutsche Herbst steht daher nicht nur für die Ereignisse, die sich in diesen beiden Monaten abspielten, sondern auch für eine tiefe Spaltung der Gesellschaft.

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