Industrialisierung in der Sowjetunion

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Ein gleichmäßiges Wachstum von Industrie und Landwirtschaft, wie es Lenin befürwortet und gefördert hatte, fand mit der Machtübernahme Stalins ein Ende. Die Entwicklung der Stahlindustrie wurde nun forciert, wo nötig mit Gewalt und jedenfalls mit dem Anspruch, vom kapitalistischen Ausland unabhängig zu bleiben.

Diese wirtschaftliche Autarkie war nötig, um die Idee der sozialistischen Lebensform uneingeschränkt umsetzen zu können. Schon Lenin hatte die Überzeugung vertreten, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Sowjetunion sei nötig, um den Westen diesbezüglich zunächst einzuholen und letztlich zu überholen. An diesem Punkt knüpfte Stalin an Lenins Argumentation an.

Industrialisierung als Quadratur des Kreises

Während die Industrie zur Gänze verstaatlicht war, gab es im landwirtschaftlichen Bereich noch Privateigentum. Das Problem war, dass eben dieser Bereich die einzig mögliche und daher nötige, materielle Grundlage bot, um die Industrialisierung voran zu treiben. Um ausreichend Rohstoffe zur Verfügung zu haben, wurde Westsibirien mit seinen Kohlevorkommen und der Ural verbunden. Eine künstliche Fusion, die die Investitionen in ungeahnte Höhen trieb. Um das auszugleichen wurde den Arbeitern Konsumverzicht auferlegt, von Luxusgütern ganz zu schweigen. Die Arbeitsbedingungen sprengten nach heutigem Maßstab jeden vertretbaren Rahmen.

Leere Versprechungen von Lohnerhöhungen vermochten die Arbeiter kaum zu motivieren. Der ursprüngliche Enthusiasmus der Bevölkerung über die so positiv dargestellte Industrialisierung und Weiterentwicklung sank, was in Folge die Bedingungen am Arbeitsplatz verschärfte, bis ein geradezu militärisches Klima herrschte. Die Vorgaben für Arbeitszeit und Leistung wurden neu definiert. Wer sich nicht disziplinieren ließ, hatte mit Einstellung der Arbeitslosenunterstützung zu rechnen.

Massive Einschränkungen

Wirtschaftliche Repressalien waren der Entzug der Lebensmittelkarten oder des Anspruchs auf werkseigene Wohnungen. Die tägliche Arbeitszeit wurde erhöht, die Sechs-Tage-Woche eingeführt und die Zahl der gesetzlichen Feiertage im Jahr beschränkt. Der Erfolg schien der Strategie recht zu geben. Gemessen am Produktionsanteil belegte die Sowjetunion Ende der 30er Jahre den zweiten Platz hinter den USA in der Welt. Dass die Industrialisierung der Sowjetunion massiv voran geschritten war, wurde nicht zuletzt auch deutlich, als die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg dem Angriff Deutschlands unter Hitler standhalten konnte.

Der Preis für die Industrialisierung

Das überhöhte Tempo der industriellen Entwicklung blieb nicht ohne Folgen, die in erster Linie auf Kosten der bäuerlichen Bevölkerung gingen. Sie verloren die gewohnten Rahmenbedingungen, was Leben und Arbeit betraf, mussten ihre landwirtschaftlichen Betriebe aufgeben und sich in den Städten ansiedeln. Deshalb waren aber dort nicht automatisch die nötigen Fachkräfte für effiziente Industrialisierung vorhanden.

Nicht selten kam es zu Fehlproduktionen oder Industriebetriebe wurden errichtet, ohne dass die Infrastruktur und Zulieferer in ausreichendem Maße bereit standen. In 5 Jahresplänen war eine zentrale Planwirtschaft vorgegeben, der ein administrativer und volkswirtschaftlich relevanter Rahmen fehlte, um diesen Prozess effizient aufzubauen und zu begleiten.

Gewalt als letztes Mittel zur Umsetzung

Die sozialistische Lebensform schien in den 30er Jahren erfolgreich umgesetzt. Offiziell war die Industrialisierung der Sowjetunion erfolgt, Produktionsmittel befanden sich in Händen des Volkes, die herrschende Klasse war abgeschafft. In Wahrheit litten die Menschen unter Fehlentwicklungen und Misswirtschaft, ihr Alltag glich einem Überlebenskampf auf niedrigstem Niveau. Wer sich nicht systemkonform verhielt, wurde von der eigens dazu eingerichteten Geheimpolizei aufgespürt und mitgenommen. Im Sinne des Wortes wurde kurzer Prozess mit einer Aburteilung gemacht.

Wer der Hinrichtung entkam, musste in Verbannung bei Zwangsarbeit um das Überleben kämpfen. Ein Mittel zum Zweck, das unter dem Titel „Säuberung“ umgesetzt wurde und dem im Laufe der Jahre etwa acht Millionen Menschen zum Opfer fielen.

In der Logik des Systems boten die durch Säuberungen frei gewordenen Arbeitsstellen Karriere bewussten und systemkonform denkenden Nachfolgern die Möglichkeit zu gesellschaftlichem Aufstieg. Die Industrialisierung der Sowjetunion stabilisierte sich mit der notwendigen Gegenwehr gegen den Angriff Deutschlands 1941. Solidarität war gefragt, um „Den großen Vaterländischen Krieg“ zu führen, aus dem die Sowjetunion gestärkt hervor ging und sich zur Weltmacht entwickeln konnte.

Das vorläufige Ende einer forcierten Industrialisierung

20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion ist der Stand der Technik in der Industrie dem internationalen Vergleich nicht gewachsen. Zwei Drittel der Anlagen sind auf veraltetem Niveau, nur etwa ein Viertel der Industrieanlagen kann mit einer Modernisierung innerhalb der letzten fünf Jahre aufwarten. Dass die Wirtschaft dennoch boomt, ist der Ölindustrie und Energiewirtschaft zu verdanken.

Ein Trend der allerdings verschleiert, dass die Industrialisierung einen Rückstand zu verzeichnen hat, dem hohe Steuern, schlecht qualifiziertes Personal, widriges Investitionsklima und die vorhandene Rechtsunsicherheit wenig entgegen setzen können. Der Staat ist zu wenig mit der Realwirtschaft verknüpft, um effiziente Maßnahmen zu setzen. Spezialisten verlassen das Land eher, als dass kluge Köpfe zuwandern, um mit ihrem Know-how die Weiterentwicklung zu fördern.

Einflussreiche Energiewirtschaft

Was mit der Industrialisierung der Sowjetunion – lässt man die Rahmenbedingungen außer acht – innerhalb weniger Jahrzehnte gelang, erfuhr seit 1991 mit dem Ende der Sowjetunion eine Wende. Heute hält Russland auf der Liste der größten Industrienationen in der Weltwirtschaft den sechsten Platz. Die Vorkommen an Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran verleihen dem Land eine besondere Bedeutung für die internationale Energieversorgung, da die Förderungen den inländischen Bedarf übersteigen.

Mit einem Anteil von etwa 50%, den die Energieexporte an den Staatseinnahmen haben, hat die Energiewirtschaft bedeutenden Einfluss auf die weitere Entwicklung im Land. Sein großer Reichtum an Rohstoffen festigt die Position Russland, das Mitglied der G8 und seit 2012 auch der Welthandelsorganisation WTO ist.

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