Ursachen der Industrialisierung

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Es gibt von Seiten der renommierten Wissenschaftler keine einheitliche Meinung über die Ursachen der Industrialisierung. Darum gibt man die Antwort zumeist in den beiden Teilen ‚Warum begann die industrielle Revolution in Großbritannien?‘ und ‚warum zu diesem Zeitpunkt und nicht früher oder vielleicht später?‘. Die Historiker sind sich jedoch einig, dass verschiedene Faktoren für den Beginn der industriellen Revolution zusammentreffen mussten. Die zu betrachtenden Fakten sind die Geografie, technologische Kreativität, soziale Institutionen, die politische Situation, Angebot und Nachfragen nach Waren, globaler Handel und die Wissenschaftskultur. Allerdings sind für eine industrielle Revolution nicht alle diese Faktoren unbedingt erforderlich.

Für einige Historiker ist die geografische Lage Großbritanniens eine der Ursachen, dass dort die Industrialisierung begann. Die Insellage hatte dazu geführt, dass über mehrere Jahrhunderte keine Invasion in England stattfand. Außerdem gab es durch die florierende Küstenschifffahrt eine billige Transportmöglichkeit für Waren und Personen. Neben der Insellage waren die großen Kohlevorkommen in England genauso wichtig wie die Armut an Holzressourcen.

Da die Holzressourcen zurzeit der industriellen Revolution bereits zum Großteil erschöpft waren, musste man sich zur Energiegewinnung auf die Kohleförderung verlegen. Allerdings sind geografische Faktoren niemals allein verantwortlich, denn auch andere europäische Nationen verfügten über reiche Rohstoffvorkommen wie England, ohne dass sich dort die industrielle Revolution entwickelte. Eine geografisch günstige Lage braucht trotzdem eine kreative und moderne Technologie zur Weiterentwicklung.

Zudem braucht man ein kostengünstiges Transportwegenetz, wie es in England durch die zahlreichen Kanäle geschaffen wurde. Zwar verfügte auch Frankreich über ein gut ausgebautes Kanalnetz, doch in England war die Kanalstrecke doppelt so lang. Zudem hatte England eine weitaus höhere Bevölkerungsdichte aufzuweisen. Der Historiker Eric Jones sieht in dem Umstand, dass sich die englische Gesellschaft bereits im Mittelalter hin zu einer Marktwirtschaft veränderte, eine der Grundlagen für die Entwicklung der frühen Industrialisierung. Die Wirtschaftsform war im ausgehenden Mittelalter weniger statisch als in anderen europäischen Ländern. Obgleich die Niederlande damals ähnlich hoch entwickelt waren, fand hier aber keine industrielle Revolution statt, weil andere Faktoren einfach nicht zum Tragen kamen.

Technologische Kreativität ist wichtig

Zweifelsfrei trug die Erfindung der Dampfmaschine sehr zur frühen Entstehung der Industrialisierung bei genauso wie die Entwicklungen in der Textilindustrie in England. Jedoch war damals nicht England das führende Land in Bezug auf technische Erfindungen, sondern in Frankreich wurden weitaus mehr wichtige mechanische und technische Erfindungen gemacht. Doch die Engländer nahmen diese Erfindungen jedes Mal auf und verbesserten sie bis zur Perfektion, was ihre besondere technologische Kreativität ausmachte.

Obgleich auch England kein effektives Bildungswesen aufwies, so gab es jedoch statt vieler Studienabsolventen eine ganze Reihe hoch qualifizierter Ingenieure und Handwerksmeister, die sich vor allem darum bemühten, wie man etwas besser und billiger herstellen konnte. Bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts hatten sich in England Tausende von wissenschaftlich orientierten Klubs und Vereinen gebildet, deren Mitglieder zu den führenden Ingenieuren, Eisenverarbeitern und Instrumentenbauern der damaligen Zeit gehörten.

Wertegesellschaft

Ähnlich wichtig sind allerdings auch die sozialen Institutionen und viele Historiker attestieren Großbritannien zu jener Zeit die entsprechende Wertegesellschaft, die Erfolg in materieller Hinsicht auch in gesellschaftlicher Hinsicht zuließ. Die englische Gesellschaft war im Gegensatz zu anderen Nationen materialistischer orientiert und wer finanzielle Erfolge vorweisen konnte, wurde auch in der gehobenen Gesellschaft entsprechend angenommen. So wurde zum Beispiel an Richard Arkwright, der Sohn eines Schneiders, nachdem er sich ein ansehnliches Vermögen erworben hatte, ein Adelstitel vergeben. Diese Einstellung förderte das Streben der Gesellschaft nach wirtschaftlichem Erfolg und gleichzeitiger gesellschaftlicher Anerkennung.

Zudem hatte England bereits 1624 das Patentwesen eingeführt, was dazu führte, dass sich technische Innovationen und Fortschritt für die Erfinder auch finanziell nachhaltig auszahlten. Darum waren viele kluge Köpfe Englands darauf bedacht, möglichst viele Patente mit nützlichen Erfindungen für sich anzumelden, um sie finanziell ausschöpfen zu können.

Politik und Außenhandel als entscheidende Faktoren

Ein weiterer Faktor für die Entwicklung der Industrialisierung in England, war der Umstand, dass England weitaus weniger von Kriegen betroffen war als andere europäische Länder. Zwar mussten die Engländer mehrfach Kriegsaufwendungen leisten und einen Handelsrückgang in Kauf nehmen. Jedoch fand kein Krieg auf englischem Boden statt, was der Entwicklung der industriellen Revolution sehr förderlich war. In England wurde vor allem das Eigentumsrecht sehr wichtig genommen, was sich in sehr konsequenten Patent-und Marktrechten zeigte sowie in einer entsprechenden Rechtsprechung und dem Schutz durch die Polizei.

Außerdem wurde Reichtum nicht gesondert besteuert, was der Bildung von Vermögen förderlich war. Der Staat hielt sich mit der Regulierung der Wirtschaft und der Gesellschaft zurück, die nach dem Bürgerkrieg sozial sehr mobil geworden war. Straßen und Kanäle wurden oft privat finanziert und der Staat gewährte den Unternehmern in England weitaus mehr Freiheiten als in anderen Ländern. Auch der Außenhandel spielte in Großbritannien eine große Rolle. Waren und Rohstoffe wie Baumwolle wurden aus der ganzen Welt importiert oder produzierte Waren aller Art ins Ausland exportiert.

Geteilte Meinungen beim Handel

Jedoch sind die Historiker in Bezug auf die Bedeutung des Handels geteilter Meinung. Die eine Seite hält den Außenhandel für weniger entscheidend als Faktor für die industrielle Revolution, weil die Binnennachfrage ungleich größer war. Die andere Seite betont wiederum die Wichtigkeit des Außenhandels, weil die Händler ihre Gewinne in die Industrialisierung des Landes investierten. Geteilter Meinung ist man auch in Bezug auf den britischen Imperialismus und dem weitverbreiteten Sklavenhandel.

Auch hier stellen einige Historiker den Einfluss dieser Faktoren als eher gering auf die industrielle Revolution dar. Die andere Seite betont hingegen, dass vor allem die Gewinne aus dem Dreieckshandel zwischen Westeuropa, Afrika und Amerika die industrielle Revolution praktisch finanzierte. Hierbei betont man zunehmend, dass weniger der Sklavenhandel den Profit brachte, sondern eher der Zuckerhandel. Nicht zuletzt trug die Gier nach Zucker zum Fortschreiten der industriellen Revolution bei.

Angebot und Nachfrage

Ein Großteil der Historiker sieht in den Gründen für die industrielle Revolution in England eine gesteigerte Nachfrage auf dem Binnenmarkt, obgleich nicht alle Kollegen diese Meinung unterstützen. Die meisten gehen davon aus, dass ein großer Markt für Waren der Motor für weitere Innovationen im technischen Bereich darstellt. Andere Historiker führen hier wiederum eher das entscheidende Wachstum der Bevölkerung nach 1750 als Grund für einen wachsenden Bedarf an Waren aller Art an.

Vermutlich haben mehrere gemeinsam auftretenden Faktoren dazu geführt, dass in Großbritannien ein großer Bedarf an Konsumgütern aller Art entstand. Durch die Textilindustrie bedingt, steigerte sich gleichzeitig das Bedürfnis der Menschen nach modischer Bekleidung, die ebenfalls zu einem Wirtschaftsfaktor wurde, wobei die verwendete Baumwolle eine große Rolle spielte, da die Nachfrage nach Flachs und Wolle eher gering war.

„Typisch britisches“ Gedankengut

Es war aber auch die speziell britische Einstellung zur Wissenschaft, die die industrielle Revolution in Großbritannien schnell voranbrachte. Wissenschaftlich gesehen gab es in England keine Vorteile gegenüber anderen Ländern auf dem Kontinent. Doch in England war die Wissenschaft eher ein Mittel zum Zweck und wurde pragmatisch betrachtet und gehandhabt. Die Engländer hielten den Glauben an die Vernunft und die Naturgesetze für elementar. Francis Bacon prägte den Gedanken, dass die Wissenschaft pragmatisch, anwendbar und experimentell sein sollte. Das Ziel der Wissenschaft sollte unter anderem dem Heben der Lebensstandard dienen und immer einen praktischen Nutzen für die Menschen haben.

So wurde in Frankreich die Wasserkraft von Mathematikern erforscht, während sich in England zuerst die Ingenieure dafür interessierten, sie nutzbar zu machen. In England arbeiteten die Wissenschaftler gern mit Geschäftsleuten zusammen, während autoritäre Staaten der Wissenschaft eher misstrauten und sie daher an der Entfaltung hinderten. Der britische Staat hielt sich gänzlich aus der Entwicklung der Wissenschaft heraus.

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