Die soziale Frage

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Der entscheidende Wendepunkt Europas zum allgemeinen Wohlstand stellt die Industrialisierung dar, die im 18. Jahrhundert zuerst in England, dann später im 19. Jahrhundert auch in Deutschland und in den übrigen Teilen Europas sowie in den Vereinigten Staaten von Amerika Einzug hielt. Doch mit der Industrialisierung kamen auch Probleme auf, deren Folgen zulasten der einfachen Bevölkerung auch unter dem Begriff der „sozialen Frage“ zusammengefasst werden. Auslöser der sozialen Frage war der durch die industrielle Revolution bedingte Landflucht, das heißt der Umzug der bis dato auf dem Land lebenden Menschen in die neu errichteten Städte. Diese waren auf die Massen der Zugezogenen nicht vorbereitet, sodass eines der markantesten Stichpunkte der sozialen Frage die Wohnungsnot war.

Angesichts des Umstandes, dass das bestehende Angebot an Unterkünften für die rasant wachsende Zahl der Arbeiter in keinster Weise ausreichte, war die Verlockung der Vermieter bzw. Hausbesitzer zu horrenden Mietzinsen sehr stark, der viele Vermieter erlagen. Die Preise waren mancherorts dergestalt hoch, dass bis zu zehn Arbeiter, bei Verwandten lag die Zahl nicht selten noch höher, sich ein wenige Quadratmeter kleines Zimmer teilten. Die provisorische Errichtung von Unterkünften führte zur Bildung von Slums und Gettos, wo das Leben nur unter menschenunwürdigen Bedingungen möglich war. Freilich war die Wohnungsnot bei Weitem nicht der einzige Faktor der sozialen Frage.

Druck vom Arbeitgeber

Auch vonseiten der Arbeitgeber waren die Arbeiter Problemen ausgesetzt. Gerade weil viele Landbewohner in die Städte zogen, was zu einem hohen Angebot an Arbeitskräften führte, stand es den Arbeitgebern offen, ihre Bedingungen für eine Einstellung nach eigenem Belieben zu gestalten – zulasten der Arbeiter. Diese hatten aufgrund ihrer leichten Ersetzbarkeit durch andere Arbeiter und fehlender staatlicher Schutzmechanismen kaum eine Möglichkeit, sich gegen die Willkür der Arbeitgeber zur Wehr zu setzen und mussten akzeptieren, was ihnen diktiert wurde. Dies bedingte nicht nur Löhne knapp über dem damaligen Existenzminimum, sondern auch besonders harte Arbeitsbedingungen. Schutzkleidungen, wie sie heute in Deutschland für gefährliche Beschäftigungen gesetzlich vorgeschrieben sind, gab es früher nicht. Vergiftungen und schwere Verletzungen gehörten vor allen Dingen in der für Deutschland besonders wichtigen Schwerindustrie zum Alltag.

Da die Löhne nicht selten sogar unter dem Existenzminimum lagen, war es in Familien notwendig, dass auch Frauen und sogar Kinder einer Beschäftigung nachgehen mussten, um so den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Allein die durchschnittlichen Wohnungsmieten verschlagen bis zu drei Viertel des Monatslohnes eines Arbeiters. Viele Landbewohner kamen wegen der Aussicht auf eine bessere Zukunft in die Städte, fanden allerdings noch schlechtere Arbeitsbedingungen als im bisherigen feudalen System vor. Somit lässt sich die soziale Frage der Industrialisierung auch als die soziale Unsicherheit der Arbeiterschaft während der industriellen Revolution umschrieben.

Die alternativlose Landflucht der Bevölkerung

Der Umzug der Landbevölkerung war oftmals nicht freiwillig. Vielmehr waren sie mehrheitlich zum Umzug in die Stadt gezwungen. Der Grund liegt in dem Niedergang des alten Gewerbes. Mit der Industrialisierung bekam das traditionelle Handwerk plötzlich einen deutlich produktiveren Kontrahenten, der nicht nur schneller und in besserer Qualität fertigen konnte, sondern vor allen Dingen auch kostengünstiger. Dieser Konkurrenz war das alte Gewerbe nicht mehr gewachsen und es dauert mithin nicht lange, bis es unterging. Die Handwerker und Schmiede, die nun keine Erwerbsgrundlage mehr hatten, sahen sich gezwungen, in die Stadt zu fahren, um dort nach einer Erwerbstätigkeit zu suchen.

So bitter die Umstände in der Stadt auch gewesen sind, viele hatten keine andere Alternative, als dort zu bleiben. Dasselbe galt auch für die Bauern, die die Mehrheit der englischen und deutschen Bevölkerung ausmachten. Durch den Wegfall des alten feudalen Systems und damit dem Wegfall des Großgrundbesitzes mussten viele Bauern auf eigene Faust und eigenes Risiko ihre Ernte auf den Markt zu bringen, was gerade für Kleinhöfe nicht rentabel war. Auch sie waren gezwungen, in der Hoffnung, in der Stadt eine Erwerbstätigkeit zu finden, vom Land wegziehen.

Bildung von Slums

Wie bereits erwähnt, waren die Städte für diesen starken Zustrom der Landbevölkerung nicht gewappnet, sodass sich wegen der vorherrschenden Wohnungsnot Slums mit den entsprechenden Lebensbedingungen bildeten. Ein weiteres Problem der sozialen Frage war die Verrohung der Bevölkerung. Gerade für die Landbevölkerung war der Zusammenschluss der Familie von besonderer Bedeutung. Wegen der Tatsache, dass das alte Rollenbild der Familie durch den Zwang innerhalb der Familie, dass auch Frauen und Kinder arbeiten mussten, zerstört wurde, fiel somit die Moralgrundlage vieler weg. Bandenbildung, Prostitution und Kriminalität waren die Folge der kollektiven Verrohung.

Ein anderes Problem war, dass die industrielle Revolution zwar viele neue Arbeitsplätze schuf, aber nicht den gesamten Bedarf der Bevölkerung nach einer Erwerbstätigkeit befriedigen konnte. Denn gleichzeitig mit der Industrialisierung wuchs auch die Bevölkerung in Europa, was vor allen Dingen auf den Fortschritt der Medizin und Ausrottung diverser Krankheiten und Epidemien zurückzuführen ist. In der Konsequenz verschärfte dies auch die Folgen der sozialen Frage.

Beginn des Arbeitsschutzes

Anfang des 19. Jahrhunderts war die Lage der Arbeiterschaft nicht mehr zu halten. Während der Zustrom der Landbevölkerung in die Städte ungebrochen anhielt und die Unternehmen sich auf Kosten der Arbeiterschaft immer noch allein auf die Kostenminimierung der Produktion konzentrierten, sah sich der Staat genötigt zu handeln. England als Geburtsort der Industrialisierung handelte als Erster und verabschiedete 1833 ein Gesetz zum Schutze der Arbeiterschaft. Das Gesetz schrieb vor, dass ab sofort Kinderarbeit in England unter Strafe stehe; kein Unternehmer dürfe mehr Kinder, das Gesetz verstand darunter Kinder bis zur Vollendung des neunten Lebensjahres, beschäftigen, andernfalls drohten staatliche Sanktionen. Heranwachsende, also Kinder ab dem neunten Lebensjahr, durften zwar arbeiten, allerdings nicht länger als zwölf Stunden täglich.

Das mag nach heutigem Verständnis immer noch unzumutbar sein, für damalige Verhältnisse, die Kinderarbeitsschichten von bis zu 18 Stunden vorsahen, war dies ein immenser arbeitsrechtlicher Fortschritt. Preußen zog nach und erließ im Jahre 1839 ein Gesetz, dass Kindern die Fabrikarbeit bis zum zehnten Lebensjahr verbot sowie die Nachtarbeit für alle Jugendlichen bis zum 16. Lebensjahr ebenfalls unter Strafe stellte.

Situation außerhalb Deutschlands

Auch in den übrigen Staaten Europas und in den USA, wo die Industrialisierung im vollen Gange war, gab es ähnliche Ansätze zur Überwindung der sozialen Frage. Allerdings handelte keines der Länder aus altruistischen Motiven heraus, sondern sahen sich bedroht. Denn innerhalb der Arbeiterschaft, die unter der sozialen Frage litt, gab es mehr und mehr Bewegungen, die mehr Rechte verlangten. Es bildeten sich Gewerkschaften als Interessenvertreter der Arbeiter. Gefährlich war dies für die herrschende Klasse insoweit, als dass das Problem der sozialen Frage immer mehr ideologisiert wurde. Intellektuelle wie Karl Marx sahen die Lösung der sozialen Frage in dem gewaltbereiten Aufstand des Proletariats, worunter er die Summe aller lohnabhängigen Arbeiter verstand.

Um die Entwicklung immer mächtiger werdenden Gewerkschaften zu unterbrechen, entschloss sich beispielsweise der Reichskanzler Otto von Bismarck, 1883 die Krankenversicherung und 1884 die Unfallversicherung einzuführen, um so die Arbeiterschaft im Falle einer Erkrankung oder eines Berufsunfalls nicht sich selbst und damit dem sicheren Ende auszusetzen. Dies war der weltweit erste Schritt zum staatlichen Sozialversicherungswesen, das Vorbild für viele andere Staaten wurde.

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