Neuschwabenland

Offiziell bezeichnet der Begriff „Neuschwabenland“ eine 600.000 qm große Region in der Ostantarktis. Der verschwörerische Mythos hinter dem Begriff geht auf eine deutsche Expedition in den Jahren 1938/39 zurück, als ein Schiff namens „Schwabenland“ topographische Daten zum Aufbau einer eigenen deutschen Walfangflotte sammeln sollte. International wurden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschiedene Theorien über einen autarken Außenposten der Nationalsozialisten aufgestellt. Verschwörungstheoretiker veröffentlichten diverse Schriften über einen Rückzugsort für deutsche Faschisten, der einer Eisfestung gleiche und in der an Geheimwaffen gearbeitet würde.

Antarktisches Territorium und deutscher Walfang

Der westliche Teil des Königin-Maud-Landes in Ostantarktika wird auch Neuschwabenland genannt. Diese küstennahe Region hat die Koordinaten 12°West bis 18°Ost und 70° bis 75° Süd und wird heutzutage von Norwegen beansprucht. Allerdings ist dieser Anspruch noch nicht international anerkannt. In den 1930er Jahren waren Walfett und Tran wichtige Lieferanten für einen Bestandteil des Sprengstoffes Nitroglycerin. Der Walfang im Atlantik war zum Großteil in britischer Hand. Aus der militär-ökonomischen Motivation heraus, eigene Territorien für einen deutschen Walfang zu erschließen, wurde 1938 die „Schwabenland“ auf Expedition geschickt. Dieses Schiff war eine Art früher Flugzeugträger und führte die Dornier-Flugboote „Boreas“ und „Passat“ mit sich. Die Walfangflotte des Deutschen Reichs sollte ausgebaut werden, um die sogenannte „Fettlücke“ zu schließen. Damit war der Import von Nahrungsfetten und technischen Fetten gemeint, von dem das Deutsche Reich bis dato abhängig war.

Die Leitung der Antarktis-Expedition wurde im Frühjahr 1938 an den Kapitän Alfred Ritscher übergeben und bis zum Winter 1938 hatte man die Ausrüstung und Mannschaft für die Forschungsfahrt zusammengestellt. Es sollten nicht nur einfache topografische Daten gesammelt werden, auch das antarktische Hinterland sollte durch Vermessungsflüge erschlossen werden. Auch biologische, meteorologische, ozeanographische und erdmagnetische Belange sollten berücksichtigt werden. Die „Schwabenland“-Expedition wurde damals streng geheim gehalten, da sie unter anderem eine deutsche Besitzergreifung vorbereiten sollte. Anfang Januar 1939 erreichte die „Schwabenland“ die Prinzessin-Martha-Küste und entdeckte einige Gebirgsregionen im Hinterland. Während sieben Vermessungsflüge bis zum 5.2.1939 wurden 350.000 qm photogrammetrisch festgehalten und der Name „Neuschwabenland“ vergeben. Norwegische Walfänger entdeckten aber währenddessen die deutschen Aktivitäten und informierten die norwegische Regierung, die daraufhin rasch das Gebiet 20°W und 45°O zu ihrem Territorium erklärte. Kapitän Ritscher konnte verschiedene Bilder und Karten veröffentlichen, aber ein großer Teil der Luftbilder ging im Krieg verloren, durch den auch die Auswertung der Forschungsergebnisse unterbrochen wurde. Die überlieferten circa 600 Luftbilder wurden erst 1982 ausgewertet.

Die internationale Erforschung des Königin-Maud-Landes begann mit der Norwegisch-Schwedisch-Britischen Antarktis-Expedition 1949-52, auf deren Grundlage ab 1962 ein topographisches Kartenwerk erschien. Der deutsche Arzt und Expeditionsleiter Karl Herrligkoffer versuchte 1957/58 noch einmal eine Deutsche Südpol-Expedition zusammenzustellen. Er wurde dabei vom damaligen Bundesminister Franz Josef Strauß und dem „Schwabenland“-Kapitän Ritscher unterstützt, fand aber keine ausreichende finanzielle Unterstützung. Heute befinden sich fünf permanent besetzte Forschungsstationen in Neuschwabenland, darunter eine deutsche. Die BRD übt zwar das Recht zur geographischen Namensgebung aus, erhebt aber keine Gebietsansprüche. Seit 2002 wird die Region regelmäßig von Kapstadt aus von Touristen und Wissenschaftlern angeflogen.

Gerüchte um U-Boote

Für über sechzig Jahre das einzige populärwissenschaftliche Buch zum Thema „Schwabenland“-Expedition war der Bericht des Geologen Ernst Herrmann. Mitbedingt durch die spärliche Informationslage entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg Mythen über eine vermeintliche Eisfestung der Nationalsozialisten. Der Anfangsverdacht der Verschwörungstheoretiker entstand durch zwei deutsche U-Boote, die im Sommer 1945 in einem argentinischen Hafen kapitulierten. Anhänger des Neuschwabenland-Mythos gehen davon aus, dass die beiden U-Boot-Crews zuvor in der Antarktis Ladung und Passagiere abgesetzt hätten. Die erste Veröffentlichung in dieser Richtung stammt von einem argentinischen Journalisten ungarischer Abstammung, Ladislas Szabo, der am 16.7.1945 eine Geschichte über eine Flucht Hitlers nach Neuschwabenland in die Zeitung „La Critica“ brachte. Nach dem Auftauchen des zweiten U-Bootes am 17.8. begann Szabo sein Buch „Hitler está vivo“ zu schreiben, welches 1947 im argentinischen Tabano-Verlag erschien.

Andere Anhänger dieser Verschwörung stellen sich auch vor, Reichsdeutsche wären mit Hilfe von Flugzeugen nach Neuschwabenland gelangt. Ein weiterer Teil der Neuschwabenland-Theorie ist ein angeblicher britischer Gegenschlag, bei dem Marineeinheiten während der Operation „Tabarin“ eine Niederlage gegen die Exil-Nationalsozialisten erlitten hätten. Der britische Special Air Service habe nämlich seit 1943 bereits mehrere erfolglose Angriffsversuche auf die deutsche Antarktis-Station unternommen, so die Autoren der Verschwörungsbücher, unter denen sich auch der international populäre Esoteriker Jan van Hellsing befindet. In den Jahren 1939 bis 1945 soll aus der Forschungsstation ein befestigter U-Boot-Hafen geworden sein, in dem bis zu tausend Soldaten stationiert gewesen seien. Dies hätte es den Nationalsozialisten ermöglicht, gegen Kriegsende hochrangige Funktionäre, Gold und Geheimwaffen in die Antarktis zu verbringen. Die tatsächliche britische Militäroperation „Tabarin“ diente zur Sicherung der Ansprüche auf mehrere kleine Inseln, die 3.600 km vom Südpol entfernt waren und ebenfalls von Chile und Argentinien beansprucht wurden.

Das britische Militär errichtete dabei minimal bemannte Basen, in denen hauptsächlich wissenschaftliche Arbeiten betrieben wurden. Ein wichtiger Teil der Verschwörungstheorie um Neuschwabenland ist auch die amerikanische Operation „Highjump“ vom Winter 1946/47. Diese Expedition mit 33 Schiffen und über 4700 Besatzungsmitgliedern war der bis dato umfangreichste amerikanische Antarktis-Einsatz. Es handelte sich primär um eine militärische Trainingsoperation, bei der das US-Militär Erfahrungen für künftige mögliche Kämpfe in frostigen Gewässern sammeln sollte. In der Frühphase des Kalten Krieges galt nämlich ein Kampf gegen die Sowjetunion in der Arktis als relativ wahrscheinlich. Dafür sollte unter anderem in der Antarktis geübt werden. Eine Aussage des „Highjump“-Admirals Richard E.Byrd, die sich wohl auf sowjetische Flugzeuge bezog, erlangte dabei besondere Anerkennung unter Verschwörungstheoretikern.

Ufos und Atomwaffen

Byrd gab der chilenischen Presse ein Interview, in dem er auf die erhöhte Gefahr von Flugzeugen hinwies, die über die Pole hinweg die USA angreifen könnten. Verschwörungstheoretiker sehen in dieser Aussage einen Hinweis auf Ufos aus Neuschwabenland. Die Neuschwabenland-Theorie wurde im Laufe der Jahre von verschiedenen Gruppierungen benutzt. So verwendeten sie einige eher linke Argentinier, um ihrem Staatschef Peron zu unterstellen, die rechten Verschwörungen zu unterstützen. In den 1970er Jahren bemächtigten sich die rechtsextremen Autoren Wilhelm Landig und Ernst Zündel des Mythos um die Festung im Eis, um zu suggerieren, die nationalsozialistische Bewegung hätte noch geheime Kräfte. Zu diesen würden die sogenannten Reichsflugscheiben gehören, die mithilfe einer mysteriösen Energiequelle betrieben würden. Amerikanische Militärunterlagen, die lange unter Geheimhaltung waren, gaben Verschwörungstheoretikern einen weiteren Anlass zu Spekulationen. Drei Atombomben explodierten 1958 im Rahmen der Operation „Argus“ südlich von Kapstadt. Da die genaue Lage der Detonation lange unbekannt war, wurde über einen finalen Atomschlag gegen Neuschwabenland gemunkelt. Mittlerweile ist aber bekannt, dass die Explosion mindestens 2200 km vom Königin-Maud-Land entfernt stattfand und es sich um Versuche zur Wechselwirkung zwischen radioaktiven Isotopen und dem irdischen Magnetfeld handelte.

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