Medienwandel und Globalisierung – Interview mit Prof. Dr. Neuberger

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Prof. Dr. Christoph Neuberger ist Kommunikationswissenschaftler und lehrt am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Wir durften ihm einige Fragen zum Themenfeld „Medien(wandel) und Globalisierung“ stellen.

globalisierung-fakten.de: Die zunehmende globale Verflechtung wird besonders durch neue Kommunikationstechnologien vorangetrieben, die uns u.a. ungeahnte Möglichkeiten der Partizipation bieten. Stehen wir hier noch am Anfang oder haben die Akteure der Internetöffentlichkeit wie Journalisten, Blogger und Medienunternehmen ihre Rollen im globalen Netz gefunden?

Prof. Dr. Neuberger:
Nein, ich denke hier ist noch viel offen. Im Internet sind keine globalen Nachrichtenangebote oder Diskussionsforen entstanden, die dauerhaft geblieben wären. Das globale Dorf, von dem der Medientheoretiker Marshall McLuhan gesprochen hat, ist noch nicht verwirklicht.

globalisierung-fakten.de: Wer nutzt die Chancen der Globalisierung hier vielleicht besonders gekonnt?

Prof. Dr. Neuberger: Zeitweise hat WikiLeaks globale Resonanz erzielt. Auch die Occupy-Bewegung, die für eine gewisse Zeit viele Anhänger hatte, ist wesentlich aus dem Netz hervorgegangen. Sprachliche und kulturelle Barrieren spielen auch im Internet eine große Rolle. Der Nachrichtenfaktor Nähe dominiert auch im Internet. Es reicht eben nicht, dass Angebote weltweit technisch verfügbar sind.

globalisierung-fakten.de: Durch das schnelle Verbreiten und Teilen von Neuigkeiten wachsen die Menschen auf der ganzen Welt enger zusammen. Ist diese Entwicklung bloß gefühlt? Finden Anteilnahme und Unterstützung nur im virtuellen Raum statt oder überträgt sich etwa Hilfsbereitschaft auch auf die Realität?

Prof. Dr. Neuberger: Die Übertragung von Engagement und Anteilnahme aus der virtuellen in die reale Welt misslingt in vielen Fällen. Sich im Internet zu einem Anliegen zu bekennen und dafür einen Like-Button zu klicken, ist viel einfacher, als zu einer Demonstration auf die Straße zu gehen.

globalisierung-fakten.de: Durch das Internet und gerade Dienste wie Twitter können Nachrichten immer schneller verbreitet werden. Leidet unter dem Zeitdruck, immer der Erste zu sein, die Qualität der professionellen Nachrichten(-anbieter)? Werden Meldungen zu einer Ware, die möglichst viele „Klicks“ generieren soll?

Prof. Dr. Neuberger: Der Zeitdruck ist tatsächlich zu einem Problem des Journalismus geworden. Dieser Imperativ führt nicht nur dazu, dass weniger auf eine sorgfältige Prüfung Wert gelegt wird, sondern führt auch zu einer Verknappung und Oberflächlichkeit der Berichterstattung. Durch die permanente Veränderung erhofft man sich auch mehr Klicks. Aber ich glaube nicht, dass dadurch die Nutzerbindung an einer Marke gestärkt wird. Dies würde durch eine Vertiefung und Verlangsamung, sprich: lange Texte mit Gehalt, eher gelingen.

globalisierung-fakten.de: Ein Nachteil der Globalisierung ist der verschärfte Wettbewerb. Für den Kunden oftmals ein Vorteil, tun sich alteingesessene (Medien-)Unternehmen,  die sich nicht anpassen wollen oder können, schwer mit der neuen Konkurrenz. Zu welchen Veränderungen bei den traditionellen Medien hat die Globalisierung beigetragen? Wo sehen Sie die traditionellen Medien in zehn Jahren?

Prof. Dr. Neuberger: Die Erwartung, dass Medien via Internet ihre Verbreitung über nationale Grenzen hinaus deutlich erweitern können, hat sich nur in Einzelfällen erfüllt. Das trifft etwa auf den Guardian oder die BBC zu. Gleichwohl trägt auch die Verfügbarkeit ausländischer Medien zur wachsenden Konkurrenz bei. Durch die Überfülle an kostenlosen Nachrichtenquellen ist die Zahlungsbereitschaft der User nach wie vor sehr gering. Ich glaube auch nicht, dass sich daran rasch etwas ändern wird. Wir werden sicher in den nächsten Jahren erleben, dass die Zahl der selbstständigen Nachrichtenangebote sinken wird. Vor allem Tageszeitungen werden betroffen sein.

globalisierung-fakten.de: Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Christoph Neuberger lehrt seit 2011 am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Schwerpunkte seiner Forschungsarbeit sind unter anderem Journalismus- und Öffentlichkeitstheorien, Öffentlichkeit und Journalismus im Internet, Suchmaschinen, partizipative Internetformate, Medienqualität, Medienregulierung und Medienwandel.

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